{"id":1658,"date":"2026-09-15T08:57:11","date_gmt":"2026-09-15T06:57:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brueckezuisrael.org\/israel\/wenn-sprache-heimat-wird\/"},"modified":"2026-09-15T08:57:11","modified_gmt":"2026-09-15T06:57:11","slug":"wenn-sprache-heimat-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brueckezuisrael.org\/israel\/wenn-sprache-heimat-wird\/","title":{"rendered":"Wenn Sprache Heimat wird"},"content":{"rendered":"<p>\u200bDie \u201eSuryoye\u201c geh\u00f6ren zu den \u00e4ltesten christlichen Gemeinschaften des Nahen Ostens. In Deutschland ringen sie darum, Sprache, Erinnerung und Glauben zu bewahren \u2013 ohne sich von der Gesellschaft abzuschotten.<br \/>\nDer Beitrag Wenn Sprache Heimat wird erschien zuerst auf Israelnetz.\u00a0<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer die Sprach- und Kulturwissenschaftlerin Yeliz Kavak-K\u00fcstner fragt, was die Kultur der \u201eSuryoye\u201c ausmacht, bekommt keine einfache Antwort. \u201eIm Kern w\u00fcrde ich sagen, es verbinden sich die aram\u00e4ische Sprache, christlicher Glaube, kulturelle Gepflogenheiten, die kirchliche Liturgie, aber auch Musik, Familiengeschichten, historische Erinnerungen und die Verbindung zu Mesopotamien und zum Nahen Osten\u201c, sagt Kavak-K\u00fcstner.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie stammt aus dem Tur Abdin im S\u00fcdosten der heutigen T\u00fcrkei, einer historischen Kulturlandschaft nahe der syrischen Grenze. Seit ihrem siebten Lebensjahr lebt sie in Deutschland. Der Jurist David Jacob, Vorstand beim Forum Suryoyo e.V., ist hier geboren. Seine Eltern stammen ebenfalls aus dem Tur Abdin. Beide geh\u00f6ren damit zu einer Gemeinschaft, deren Geschichte weit in den Nahen Osten zur\u00fcckreicht und deren Gegenwart heute wesentlich von der Diaspora gepr\u00e4gt wird.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Suryoye, Aram\u00e4er, Assyrer oder Chald\u00e4er?<\/strong><\/h4>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSuryoyo\u201c oder \u201eSuryayto\u201c bezeichnet im Singular ein m\u00e4nnliches oder weibliches Gemeinschaftsmitglied, \u201eSuryoye\u201c\u00a0<a>den<\/a>\u00a0Plural, erkl\u00e4rt Jacob. In anderen neuaram\u00e4ischen Dialekten wird auch \u201eSuraya\u201c beziehungsweise \u201eSuraye\u201c verwendet. Die Begriffe Aram\u00e4er, Assyrer und Chald\u00e4er wiederum spiegeln unterschiedliche historische, sprachliche, kirchliche und politische Selbstverst\u00e4ndnisse wider.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jacob sieht die heute gebr\u00e4uchlichen unterschiedlichen Bezeichnungen auch als Folge der Geschichte und der Migration. Wer in der eigenen Sprache selbstverst\u00e4ndlich wusste, wer mit \u201eSuryoye\u201c gemeint war, musste sich in Deutschland pl\u00f6tzlich gegen\u00fcber Menschen erkl\u00e4ren, die mit dem Begriff \u201eSyrer\u201c zun\u00e4chst ausschlie\u00dflich die Staatsangeh\u00f6rigen Syriens verbanden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bezeichnung \u201eAram\u00e4er\u201c betont nach Jacobs Darstellung besonders die Verbindung zur aram\u00e4ischen Sprache und zur Geschichte der Aram\u00e4er. Die moderne assyrische Selbstbezeichnung stehe dagegen st\u00e4rker im Zusammenhang mit den Nationalbewegungen, die gegen Ende des Osmanischen Reiches entstanden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas Forum Suryoyo hat sich f\u00fcr diesen Begriff als inklusive Arbeitsbezeichnung entschieden. Er soll keine der unterschiedlichen Identit\u00e4ten innerhalb der christlich-mesopotamischen Communitys \u00fcber eine andere stellen\u201c, sagt Kavak-K\u00fcstner. Gemeinsam sei ihnen allen eine Geschichte, die sich \u00fcber die heutigen Grenzen der T\u00fcrkei, Syriens, des Irak oder Iran erstrecke.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Christlich \u2013 aber nicht nur syrisch-orthodox<\/strong><\/h4>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebenso wenig l\u00e4sst sich die ethnische Identit\u00e4t der \u201eSuryoye\u201c mit einer einzigen Kirche gleichsetzen. Zwar hat die syrisch-orthodoxe Kirche viele Angeh\u00f6rige der Gemeinschaft tief gepr\u00e4gt. Doch es gibt ebenso syrisch-katholische, chald\u00e4isch-katholische und protestantische Christen unter den \u201eSuryoye\u201c.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kavak-K\u00fcstner selbst ist daf\u00fcr ein Beispiel. Ihre Mutter war syrisch-orthodox, ihr Vater Protestant. Sie wurde syrisch-orthodox getauft und sp\u00e4ter protestantisch konfirmiert. \u201eMeinen Eltern war es wichtig, dass wir in beiden Glaubensrichtungen in irgendeiner Form mit erzogen werden\u201c, berichtet sie.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr ihre Identit\u00e4t sieht sie darin keinen Widerspruch. \u201eEthnisch-kulturelle Identit\u00e4t und christlicher Glaube sind ja historisch eng miteinander verbunden bei uns. Aber eben nicht immer dasselbe.\u201c Denn der christliche Glaube sei seinem Anspruch nach nicht an eine Ethnie gebunden. \u201eDas Evangelium richtet sich an Menschen unabh\u00e4ngig von ihrer Abstammung.\u201c<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jacob warnt davor, die \u201eSuryoye\u201c pauschal als syrisch-orthodoxe Ethnie zu beschreiben. \u201eUnsere Identit\u00e4t und Ethnie ist sehr stark mit dem christlichen Glauben oder mit dem syrisch-christlichen Glauben verbunden\u201c, sagt er. \u201eAber eben nicht ausschlie\u00dflich syrisch-orthodox.\u201c<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sprache der ersten Christen<\/strong><\/h4>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den promovierten V\u00f6lkerrechtler Jacob steht mit dem Fortbestand des Aram\u00e4ischen weit mehr auf dem Spiel als die Sprache einer Minderheit. \u201eWenn die aram\u00e4ische Sprache ausstirbt, die ja \u00fcbrigens seit dreieinhalbtausend Jahren belegt durchgehend gesprochen wird, dann stirbt kulturhistorisch eine uralte Sprache der Christenheit\u201c, erkl\u00e4rt Jacob, und weiter: \u201eJesus hat immerhin Aram\u00e4isch gesprochen und Teile des Alten Testaments sind in Aram\u00e4isch geschrieben worden.\u201c<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Sprache transportiere Bedeutungen, Assoziationen und Erfahrungen, die sich ohne ihre Lebendigkeit nicht mehr vollst\u00e4ndig \u00fcbersetzen lie\u00dfen. \u201eWenn man eine Sprache spricht, dann geht es eben nicht darum, sie einfach nur ins Deutsche zu \u00fcbersetzen mit KI\u201c, sagt Jacob. \u201eSondern es geht ja darum: Was versteht man, wenn man dieses Wort spricht? Und das geht verloren, wenn es keine Native Speaker des Aram\u00e4ischen mehr gibt.\u201c<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bewahren, ohne Menschen festzuhalten<\/strong><\/h4>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie l\u00e4sst sich eine bedrohte Kultur bewahren, ohne die n\u00e4chste Generation durch Erwartungen bei Sprache, Partnerwahl oder religi\u00f6ser Praxis unter Druck zu setzen?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jacob kennt das Spannungsfeld. F\u00fcr ihn entscheidet sich gerade daran, ob die kulturelle Weitergabe in der Diaspora eine Zukunft hat. \u201eWir k\u00f6nnen die Sprache vermitteln, wir k\u00f6nnen die Geschichte erz\u00e4hlen, wir k\u00f6nnen Gemeinschaft erm\u00f6glichen, aber eben nicht \u00fcber sozialen Druck\u201c, sagt er. Das Forum sehe es als zentrale Aufgabe an, \u201eBewahrung und individuelle Freiheit miteinander zu verbinden\u201c.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Versuch, die eigene Gemeinschaft unver\u00e4ndert zu konservieren, w\u00fcrde nach seiner \u00dcberzeugung sogar das Gegenteil erreichen. Junge Menschen k\u00f6nnten sich abwenden. \u201eEntweder Kultur 100 Prozent so wie vor 100 Jahren \u2013 oder null Prozent. Das geht nicht\u201c, sagt Jacob.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Kavak-K\u00fcstner beschreibt einen Wandel zwischen den Generationen. Eltern und Gro\u00dfeltern h\u00e4tten in der Diaspora zun\u00e4chst versucht, vertraute Strukturen zu erhalten \u2013 bis hin zur Erwartung, den Partner oder die Partnerin m\u00f6glichst innerhalb der eigenen Gemeinschaft zu finden. F\u00fcr sie ist dieses Modell heute nicht mehr tragf\u00e4hig. \u201eWir betrachten uns als lebendigen Teil der Gesellschaften, in denen wir leben\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Assimilation ist f\u00fcr Kavak-K\u00fcstner deshalb kein Schreckenswort. Sie findet ihrer Einsch\u00e4tzung nach l\u00e4ngst statt: durch Schule und Beruf, durch Sprache, Freundschaften und Ehen. Kavak-K\u00fcstner selbst ist mit einem Deutschen verheiratet und bezeichnet Deutschland selbstverst\u00e4ndlich als Heimat. Die eigentliche Frage lautet f\u00fcr sie daher nicht, wie sich Ver\u00e4nderung verhindern l\u00e4sst. Sondern was trotz Ver\u00e4nderung weitergegeben werden kann.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wiege der Christenheit<\/strong><\/h4>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte der \u201eSuryoye\u201c stelle eine verbreitete europ\u00e4ische Wahrnehmung des Nahen Ostens infrage. Wer heute an die Region denke, verbinde sie oft zuerst und ausschlie\u00dflich mit dem Islam. Die jahrtausendealte Geschichte orientalischer Christen gerate dabei leicht aus dem Blick. \u201eDabei liegen die Urspr\u00fcnge des Christentums selbst im Nahen Osten\u201c, sagt Jacob. <\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er glaubt, dass westliche Christen gerade vom jahrhundertelangen Zusammenleben verschiedener Konfessionen und Religionen etwas lernen k\u00f6nnten. \u201eMan verbindet den Orient immer mit dem Islam. Aber erstens kommt das Christentum aus dem Orient und zweitens hat der Islam von Anfang an mit dem Christentum dort zusammengelebt.\u201c Die Erfahrungen orientalischer Christen k\u00f6nnten auch etwas zur europ\u00e4ischen Gegenwart beitragen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die \u201eSuryoye\u201c in Deutschland entscheide sich die Zukunft nicht zwischen zwei einfachen Alternativen: vollst\u00e4ndige Anpassung oder kulturelle Abschottung. Sprache, Familienerinnerungen und christlicher Glaube k\u00f6nnen auch in einer neuen Heimat weiterleben \u2013 wenn Menschen sie nicht aus Zwang \u00fcbernehmen m\u00fcssen, sondern darin etwas entdecken, das ihnen selbst etwas bedeutet. (nob)<\/p>\n<div class=\"wp-block-group weiterfuehrendelinksgutenberg has-white-background-color has-background is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Mehr zum Thema<\/h4>\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\">\u00bb <a href=\"https:\/\/www.israelnetz.com\/christen-werden-syrien-verlassen\/\">\u201eChristen werden Syrien verlassen\u201c<\/a><\/p>\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\">\u00bb <a href=\"https:\/\/www.israelnetz.com\/assyrische-christen-warum-antisemitismus-uns-alle-angeht\/\">Assyrische Christen: Warum Antisemitismus uns alle angeht<\/a><\/p>\n<p class=\"has-black-color has-text-color wp-block-paragraph\">\u00bb <a href=\"https:\/\/www.israelnetz.com\/eine-stadt-fuer-aramaeische-christen\/\">Eine Stadt f\u00fcr aram\u00e4ische Christen<\/a><\/p>\n<\/div>\n<p>Der Beitrag <a href=\"https:\/\/www.israelnetz.com\/wenn-sprache-heimat-wird\/\">Wenn Sprache Heimat wird<\/a> erschien zuerst auf <a href=\"https:\/\/www.israelnetz.com\/\">Israelnetz<\/a>.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u200bDie \u201eSuryoye\u201c geh\u00f6ren zu den \u00e4ltesten christlichen Gemeinschaften des Nahen Ostens. 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